Ein Thema kehrt in die Chefetagen zurück
Eine Weile war es ruhig um das einst euphorisch diskutierte Thema “betriebliches Wissensmanagement”. Dass es jetzt wieder in aller Munde ist, führt Klaus Tochtermann darauf zurück, dass das Web 2.0 dem betrieblichen Wissensmanagement neue Dimension eröffnet habe. Über “Neue Dimensionen im Wissensmanagement” sprach Stefanie Hornung von myHRM, jetzt mit dem Wissensmanagement-Professor Tochtermann, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des Know-Centers Graz.
Hinzu komme aber auch das Problem, dass die Unternehmen eine immer weiter anschwellende Informationsflut zu bewältigen haben. Im Jahr 2006 gab es nach Tochtermanns Angaben 31 mal mehr digitale Informationen als nur drei Jahre zuvor. Bis 2010 werde sich die Informationsmenge nochmals versechsfachen. Das zwinge die Betriebe dazu, nach geeigneten Strategien zur Bewältigung der Informationsflut zu suchen.
Tochtermann nennt einen dritten Grund für die Rückkehr des Themas “Wissensmanagement” in die Chefetagen: Die Mengen an Wissen, die einzelnen Produkten und Dienstleistungen inhärent sind, nehmen stetig zu. Die Folge ist, dass zur Leistungserbringung immer höhere Wissensquanten erforderlich sind. Das führe dazu, dass viele Betriebe das Wissen, das sie benötigen, um ihre Produkte herzustellen oder ihre Dienstleistungen anzubieten, gar nicht mehr komplett selbst vorhalten können. Deshalb müsse Wissen “von Kompetenzträgern aus verschiedenen Unternehmen kombiniert werden.” Web 2.0-Werkzeuge hätten das Zeug dazu, Unternehmen bei dieser kollaborativen Wissensarbeit zu unterstützen und “große Wissensmengen beherrschbar zu machen.”
Ein weiterer Faktor, der dem Bemühen Vorschub leistet, in Betrieben dezidiertes Wissensmanagement zu etablieren, dürfte sein, dass der globalisierte Wettbewerbe die Unternehmen insbesondere in den Industrienationen dazu zwingt, verstärkt die bislang kaum genutzten und häufig nicht einmal zur Kenntnis genommenen Möglichkeiten zur Effektivierung von Wissensarbeit zu nutzen.
Wer in der Vergangenheit in wissensintensiven Unternehmen oder Unternehmensbereichen dezidiertes Wissensmanagement einführen wollte, der musste häufig erhebliche Bedenken zerstreuen und Überzeugungsarbeit leisten:”Dahingehend, dass das Teilen von Wissen mehr bringt als das Wissen, gemäß der Diktion ‘Wissen ist Macht’, für sich zu behalten.” Vielen Menschen habe der Grund gefehlt, Wissen herzugeben. Für betriebliches Wissensmanagement bedeutet diese Einstellung nicht selten das Ende.
Das Web 2.0 trägt nach Tochtermanns Ansicht nun eine völlig neue Kultur in die Unternehmen hinein: Plötzlich sei es “in”, Wissen und Informationen weiterzugeben, es in Plattformen einzugeben und mit dem Wissen anderer zu kombinieren. In den Köpfen vieler Internetnutzer finde derzeit ein Veränderungsprozess statt - weg von “das gehört mir” hin zu “das gehört uns”. Tochtermann hat beobachtet, dass Einzelpersonen zunehmend bereit sind, ihr Wissen anderen Menschen zur Verfügung zu stellen. Und diese Einstellung werde aus dem privaten mehr und mehr auch ins berufliche Umfeld transformiert.
Blogs und Wikis sind die Web 2.0-Instrumente, mit denen sich unternehmensinterner Wissenstransfer am besten fördern läßt, meint Tochtermann. Bisher würden in den Betrieben meistens Wikis eingesetzt. Das Grazer Know-Center beispielsweise verwende Projekt-Wikis statt Protokolle. In diesen Wikis würden Fortschritte, Veränderungen und die gesamte Projekthistorie dokumentiert.
Gegenüber Weblogs hätten Wikis den Vorteil, dass sie eher kooperationsfördernd wirken, weil die Autoren nicht als Einzelperson auftreten wie in einem Blog: “Ich schreibe einen Text hinein und meine Kollegen überarbeiten ihn. So entsteht ein gemeinsames Ganzes”, beschreibt Tochtermann. Beim Bloggen hingegen stünden die Diskussion und der Austausch von Argumenten im Vordergrund. Deshalb eignen sich Blogs nach Tochtermanns Erfahrung eher dazu, Diskussionspartner zu finden und zu netzwerken.
Dezidiertes Wissensmanagement hat das Ziel, jedem Mitarbeiter zur rechten Zeit am rechten Ort das Wissen in optimal aufbereiteter Form zur Verfügung zu stellen, das er zum qualifizierten Erledigen seiner Aufgaben benötigt. Wichtig sei dabei, den Mitarbeitern dabei zu helfen, die Beziehungen zwischen Wissenseinheiten rasch und richtig einzuschätzen, meint Tochtermann und nennt ein Beispiel:
“In den 70er Jahren hatten wir den RAF-Anwalt namens Schily, in den 80er Jahren hatten wir einen Grünenpolitiker namens Schily und der letzte SPD-Innenminister war ein gewisser Herr Schily. Die Frage ist: Ist das ein und dieselbe Person? Oder sind das zwei verschiedene und eine andere Person?”
Es gehe also darum, Wissensmodule zueinander in Beziehung zu setzen. In dem oben genannten Beispiel sollte das zu dem Ergebnis führen, dass es sich um eine einzige Person namens Schily handelt. Bei der Entwicklung von Wissensmanagement-Technologien gehe es derzeit darum, derartige Zusammenhänge zu erkennen. Die Zukunft sieht Tochtermann darin, “die Social Software des Web 2.0 mit semantischen Technologien zu verbinden.”
Um zu erreichen, dass Nutzer gesuchte und vorhandene Inhalte tatsächlich finden, könnten außerdem Skill-Systeme eingesetzt werden, die die Fähigkeiten der einzelnen Mitarbeiter abbilden und die die Nutzer vor allem auf solche Ressourcen hinweisen, die ihrem jeweiligen Qualifikationslevel entsprechen. “Das Ergebnis kann ein Dokument, eine Community oder eine Liste von Experten sein, die zu meiner Fragestellung etwas wissen”, so Tochtermann.
Dazu werden den Nutzern Qualifikationsprofile zugeordnet. Dabei könne es durchaus sein, dass ein Experte zum Web 2.0 Novize im Bereich E-Learning ist. Skillprofile entstünden “in Teilen automatisch - etwa auf der Grundlage der Themen, über die ein Nutzer etwas schreibt: … Wenn ein als Experte identifizierter Mitarbeiter ein Dokument erstellt, wird es mit automatischen Klassifikations- und Retrievalmethoden bestimmten Themenkreisen und dem passenden Expertenlevel zugewiesen.”
Ein deutlich erkennbarer Trend sei derzeit die Integration von E-Learning und Weiterbildung in das Wissensmanagement und damit “ie Verknüpfung von Wissen und Lernen”. Was Tochtermann “Work Place Integrated Learning” nennt, bedeute: “Wissensarbeiter bilden sich an ihrem Arbeitsplatz selbst weiter, dadurch dass sie Dokumente erstellen und Dokumente von Kollegen zur Verfügung gestellt bekommen, die ihnen in ihrer aktuellen Situation helfen.” In Zukunft werde es deshalb nicht mehr darum gehen, “den Wissensarbeiter zum Lernen zu schicken, sondern darum, das Lernen zum Wissensarbeiter zu holen.”
Um die Beteiligung der Belegschaft am Wissensmanagement zu erhöhen, sollten Unternehmen “ihre Ziel klar formulieren”, empfiehlt Tochtermann, “häufig beobachten wir, dass Unternehmen, die ein Content Management-System haben, ein Web 2.0-System einführen wollen, weil sie davon gehört haben, aber nicht, weil sie ein klares Ziel damit verfolgen.” Ziel eines Geschäftsführer-Blogs beispielsweise könnte sein, “die Mitarbeiter über die wichtigsten seiner Tätigkeiten zu informieren, um so die Transparenz im Unternehmen zu erhöhen.”
Wissensmanagement müsse Teil der Unternehmenskultur werden. Das bedeute: Unternehmen bringen Verständnis dafür auf, dass Wissensmanagement Zeit kostet. Die Mitarbeiter müssen Freiräume erhalten, um Inhalte zu erstellen. Viele Unternehmen würden den Fehler machen, ihr Wissensmanagement-System “zu sehr zu steuern und Regeln aufzustellen, die nicht angenommen werden.”
www.redaktionelles-wissensmanagement.de
Februar 18th, 2008 at 3:13 pm
[…] Diese Erkenntnis deckt sich mit der Einschätzung von „redaktionelles-wissensmanagement“, wonach sich die allgemeine Informationsmenge bis 2010 versechsfachen und die Unternehmen so dazu zwingen wird, geeignete Strategien zur Bewältigung zu suchen. […]