Der Journalist - ein homo oeconomicus
Ökonomistische Modelle zur Erklärung individuellen Verhaltens haben in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften eine große Zahl von Anhängern. Und auch in der medienwissenschaftlichen Anthropologie gibt es Ansätze, den Journalisten als „homo oeconomicus“ zu definieren.
Der Österreicher Martin Novak fügt dieser jetzt eine aufschlussreiche Facette hinzu, indem er mehrere Theorien über Kooperation in ein einheitliches Ganzes gießt und dabei auch einen plausiblen Weg weist, wie die psychologischen Hürden überwunden werden können, die sich kooperativem Wissensmanagement insgesamt und damit auch redaktionellem Wissensmanagement in den Weg stellen.
Ergebnis seiner Untersuchungen: “Wir müssen die natürliche Kooperation künftig als drittes fundamentales Prinzip der Evolution neben Mutation und natürliche Selektion stellen”, sagte der in Harvard forschende Biomathematiker jetzt dem österreichischen „Standard“.
Zwar wetteifern in der Evolution einzelne Einheiten - Gene, Zellen, Individuen, Sippen - um den Erfolg. Deshalb sollte die Evolution eigentlich egoistisches Verhalten belohnen. Nowak zeigt jedoch, dass das nicht immer so ist. Er hat herausgearbeitet, unter welchen Bedingungen Kooperation möglich und wann sie unmöglich ist:
- Die erste Erklärung für kooperatives Verhalten ist genetische Verwandtschaft. Sie erklärt Hilfsbereitschaft unter Familienmitgliedern.
- Die zweite Erklärung, direkte Reziprozität, ist bereits für kooperatives Wissensmanagement bedeutsam: Organismen unterstützen sich dann gegenseitig, wenn die Chance besteht, dass ihnen dafür ebenfalls geholfen wird.
- Für Wissensmanagement ist auch die dritte Theorie interessant, die indirekte Reziprozität: Der erste hilft dem zweiten, damit dieser wiederum einem dritten hilft – und dass der dritte dadurch dem ersten hilft. Ein solches System funktioniere allerdings, so Novak, nur dann, wenn sämtliche Mitglieder einer Gruppe danach handeln. Das aber sei Utopie, weil es immer Individuen gibt, die selbst unkooperativ sind, Wohltaten anderer aber gerne annehmen - so genannte Defektoren als Gegenstücke der Kooperatoren. Eine Gruppe, die mehrheitlich aus Kooperatoren besteht, sei zwar stets produktiver als eine Gruppe aus mehrheitlich aus Defektoren besteht. Innerhalb einer Gruppe aber sei es immer günstiger, Defektor zu sein, also nur den Nutzen aber keine Kosten zu haben. Dass es dennoch Altruismus gibt, sei der Reputation als Triebfeder zu verdanken: „Wer anderen hilft, gewinnt einen guten Ruf und qualifiziert sich für die Unterstützung durch andere“, fasst der „Standard“ zusammen.
- Dies führt zur vierten Erklärung kooperativen Verhaltens, der Netzwerk-Reziprozität: Einzelne Gruppen von Individuen arbeiten innerhalb eines Systems intensiver zusammen als mit anderen. Schließen sich diese Gruppen zu Netzwerken zusammen, erhöht sich die Zahl der Kooperatoren, womit sich die Produktivität des Gesamtsystems erhöht.
- Als fünfte Theorie integriert Novak schließlich die Gruppenselektion: Weil die Gruppen, die intern besser kooperieren, produktiver sind, vermehren sie sich schneller, bringen weitere Kooperatorengruppen hervor und verdrängen schließlich die weniger gut kooperierenden Gruppen der Defektoren.
Novak fasst diese Theorien zu einer ökonomischen Kosten-Nutzen-Rechnung zusammen, bei der das Verhältnis zwischen Benefit und Kosten entscheidend ist und die sowohl belegt, dass Kooperation tatsächlich das Geheimnis der Evolution ist, als auch, dass sich komplexe Systeme wie die menschliche Gesellschaft ohne natürlichen Altruismus niemals entwickelt hätten.
Erfolgskritisch für betriebliche und damit auch für redaktionelle Wissensmanagement-Projekte ist also die Reputation als Triebfeder. Das für das Gelingen derartiger Projekte notwendige (wissens-)kooperative Verhalten lässt sich dadurch erzeugen, dass beispielhaftes Verhalten reputierlich wird: Management und Führungspersonal müssen kooperatives Verhalten vorleben, sie müssen kooperatives Verhalten in Besprechungen, Konferenzen und in der gesamten internen Kommunikation thematisieren, fördern, herausstellen und unkooperatives Verhalten in geeigneter Form sanktionieren. Die Bereitschaft zur Wissenskooperation sollte Bestandteil von Stellenausschreibungen sein, außerdem sollte das Thema in Vorstellungs- und Mitarbeitergesprächen sowie in Arbeitszeugnissen angesprochen werden.
Nachtrag v. 30. Januar 2007: s.a. Susanne Fengler/Stephan Ruß-Mohl: ‘Der Journalist als Homo oeconomicus - Das Beispiel Wahlkampf-Berichterstattung’ (pdf)
www.redaktionelles-wissensmanagement.de