US-Gemeindienste nutzen Wikis
Liebe RWM-Leser,
“Interne Wikis im Firmennetz” sind Thema eines Beitrags im Weblog des Verlags für die Deutsche Wirtschaft AG, den ich Wissensarbeitern in Redaktionen zur Lektüre empfehle.
Im übrigen kann Wiki-Wissensmanagement im Firmen-Intranet inzwischen mit allerbesten Referenzen aufwarten: Die US-Geheimdienste haben begonnen, Wikis für die rasche selbstorganisierte Verarbeitung und für den Transfer wichtiger Informationen zu nutzen.
Die Wikipedia war nicht einmal fünf Jahre alt, als die Geheimdienstgemeinde der Vereinigten Staaten, die “Intelligence Services”, das System kopierten und im April 2006 mit ihrer eigenen Enzyklopädie an den Start gingen. Mit Hilfe dieser internen, für die Öffentlichkeit also nicht zugänglichen Intellipedia können Notizen festgehalten, Ideen lanciert und diskutiert, Informationen verbreitet sowie Arbeitspapiere und abgeschlossene Texte zugänglich gemacht werden.
Mehr als 3600 Mitarbeiter der 16 US-Geheimdienste sowie ein Reihe weiterer Behörden haben Zugriff auf dieses Wiki. Dazu wurde die MediaWiki-zunächst an die Bedürfnisse der Geheimdienste angepasst: Verschiedene Zugangslevels sind eingebaut worden, so dass Informationen, die als besonders vertraulich eingestuft werden, nur einem kleinen Personenkreis zugänglich sind.
Die Beteiligung an der Intellipedia ist freiwillig. Im Unterschied zur Wikipedia sind die Einträge jedoch nicht anonym, sondern grundsätzlich vom Verfasser gekennzeichnet. Jeder, der sich fachkundig und dazu berufen fühlt, kann in der Intellipedia neue Dossiers anlegen und zu bestehenden Dossiers Informationen, Quellen oder Dokumente hinzufügen, und er kann sich darüber informieren, was Kollegen wissen und was sie zum kollektiven Wissensfundus beigetragen haben. Mitarbeiter mit Schwerpunktinteressen haben die Möglichkeit, bei dem entsprechenden Beitrag ein Lesezeichen zu setzen oder sich mit Hilfe eines RSS-Feeds über jede Änderung und Aktualisierung bestimmter Artikel informieren lassen. Vor allem die jüngeren Geheimdienst-Mitarbeiter beteiligen sich von Anfang an rege am Aufbau der Intellipedia.
Um die Motivation zur Beteiligung an der kollektiven Wissensdatenbank insbesondere bei eher traditionell denkenden Mitarbeitern zu erhöhen, werden besonders emsige Intellipedia-User mit Handschaufeln für ihr gardening (engl. „Gartenarbeit“) ausgezeichnet. Diese Idee stammt vom barnstar-System zur Benutzer-Auszeichnung der englischen Wikipedia.
Die CIA hatte als erste Behörde damit begonnen, Wikis intern, aber auch übergreifend für alle Geheimdienste zu nutzen, um die Informationsflüsse zu beschleunigen. Auslöser für den Aufbau der Intellipedia war die Erkenntnis, dass die öffentlichen Wissensnetzwerke im Internet bei der Erfassung und Verarbeitung von Informationen den herkömmlichen Techniken der Behörden überlegen sind. Die Wiki basierte Informationsverarbeitung unterscheidet sich dabei wesentlich von der bisherigen Arbeitsweise der CIA. Bislang wurden dort Informationen zunächst gesammelt und dann in Berichten zusammengefasst. Erst nach sorgfältiger Überarbeitung sind diese Berichte dann weiter gegeben worden. Dieses Vorgehen bedeutet, dass Informationen von gestern für morgen aufbereitet werden. Beim Wiki-Modell hingegen werden Informationen zuerst veröffentlicht und später überarbeitet.
Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hatte der US-Kongress eine Neuorganisation der Geheimdienste in den USA beschlossen, weil sie, wie sich herausstellte, entscheidende Informationen vor den Anschlägen nicht untereinander ausgetauscht hatten. Außerdem wurde dem früheren CIA-Chef George Tenet und einem Teil seiner Kollegen vorgeworfen, sie hätten voneinander abweichende Erkenntnisse heruntergespielt und verdrehte Berichte präsentiert.
Die Intellipedia macht es den Geheimdiensten nun möglich, verschiedene Sichtweisen und Interpretationen zu bekommen und verschiedene Szenarien durchzuspielen, ohne dass alles auf eineinhalb Seiten verdichtet und zu einer übereinstimmenden Perspektive harmonisiet werden muss, der möglicherweise nicht die Ansichten sämtlicher Organisationen widergibt. Zu den Grundideen gehört auch, dass die Mitarbeiter sämtlicher US-Nachrichtendienste Informationen austauschen können und eine bestimmte Lage dadurch vielleicht rascher und angemessener einschätzen können als mit bisherigen Methoden.
Mit freundlichem Gruß
Anton Simons
www.redaktionelles-wissensmanagement.de
Mai 2nd, 2007 at 7:01 am
[…] Redaktionelles Wissensmanagement, das Blog von Anton Simons, beschäftigt sich mit dem Wiki-Einatz von US-Geheimdiensten. Der Wiki-Einsatz ist dabei nicht nur als Erweiterung des Instrumentariums zu sehen, vielmehr habe er auch den Umgang mit Informationen verändert, schreibt Simons: “Bislang wurden dort Informationen zunächst gesammelt und dann in Berichten zusammengefasst. Erst nach sorgfältiger Überarbeitung sind diese Berichte dann weiter gegeben worden. Dieses Vorgehen bedeutet, dass Informationen von gestern für morgen aufbereitet werden. Beim Wiki-Modell hingegen werden Informationen zuerst veröffentlicht und später überarbeitet.” 02.05.2007: ster | Debatte | Druckversion | […]