Die Zukunft gehört dem Journalismus 2.0
In deutschen Medienhäusern hat sich inzwischen herumgesprochen, dass “Web 2.0″ kein Buzzword ist und dass hinter diesem Label weit mehr steckt als eine vorübergehende Modewelle. Social Software hat die Medienbranche vielmehr schon irreversibel verändert und droht nun, überkommende Geschäftsmodelle zu pulverisieren.
“Media yourself - wie das Internet Medien und Gesellschaft verändert” – so lautete deshalb das Thema der 21. Medientage München. Dass das Internet, dass insbesondere das Web 2.0 Medien, Gesellschaft und auch den Journalismus verändert, stand bei den rund 8000 Teilnehmern, die sich zu 95 Panels mit mehr als 500 Podiumsteilnehmern trafen, weitgehend außer Zweifel. All denen unter ihnen, die in privaten und in öffentlich-rechtlichen Medienhäusern sowie in der Medienpolitik Verantwortung tragen, ging es vor allem darum, Chancen, Risiken und Nebenwirkungen des Internets der neuen Generation 2.0 auszuloten. Das ist nötig, weil insbesondere die neuartigen Netzanwendungen aus dem Bereich der Social Software - Online-Communitys und Diskussionsforen, Blogosphäre und Wikis - die überkommenden Geschäftsmodelle der klassischen Medien immer stärker unter Druck setzen.
Wissenschaftler, Medienmanager und andere Branchenvertreter waren sich deshalb darüber einig, dass der grundlegende Wandel der Medienwelt darauf beruht, dass der zum “Prosumenten” gewordene Nutzer nun selbst in erheblichem Umfang Inhalte ins Netz stellt, sich in Communities einbringt, unmittelbar in den Dialog mit den Werbungtreibenden tritt und deshalb mit darüber entscheidet, wie sich der Medienmarkt künftig entwickelt. Der Internetpionier Oliver Samwer vom European Founders Fund in Berlin betonte die starke Rolle der Konsumenten und Nutzer: “Die Masse bestimmt, was die relevanten News und Plattformen sind.” Das Web 2.0 habe die Medienwelt demokratischer und freiheitlicher gemacht, sagte er. Sein Credo: “Der Prosument gehört niemandem.” So standen die Weisheit der Vielen und ihr Einfluss auf die Entwicklung der Medien auch im Mittelpunkt des Zukunftsgipfels der Medientage.
Klar wurde in München aber auch, dass die Bedeutung der Informationsselektion, also die Bewältigung der immer stärker anschwellenden Informationsflut, und die Generierung qualitativ hochwertiger Inhalte nicht nachlassen wird. Und bei Nachrichten funktioniert die Weisheit der Masse („Wikipedia-Effekt“) nur mit Einschränkungen. Das Monopol auf die Erstellung und Kommentierung von Informationen haben die Journalisten dennoch verloren. Die Chancen der Medienunternehmen, die Aufmerksamkeit ihrer Nutzer nicht zu verlieren, gründen deshalb künftig noch mehr als bisher auf der journalistischen Kompetenz und Professionalität ihrer Redaktionen sowie auf ihren etablierten Marken. Ein partizipativer und interaktiver Journalismus 2.0 mit intelligent organisiertem redaktionellen Wissens- und Workflow-Management sowie kompetent besetzte Crossmedia-Redaktionen sind deshalb in Zukunft mehr denn je gefragt. Nur sie haben das Zeug dazu, die Massenmedien mit ihren angestammten Marken, hohen Reichweiten und ihren Kontakten zur Werbeindustrie zu befruchten.
In diem unvermeidlichen Veränderungsprozess ist allerdings noch unklar, welche neuen Geschäftsmodelle in der digitalen Medienzukunft Erfolg versprechen. Obwohl das Wachstum der Medien künftig vor allem im Online-Bereich stattfinden muss, sind adäquate alternative Einnahmequellen zur klassische Werbung nämlich bislang nicht in Sicht.
Quellen:
- Münchner Medientage: Die Vernachlässigung der Spinne (FR-online.de v. 8. November 2007)
- Streit um die Meinungshoheit im Web 2.0 (Handelsblatt.com v. 12. November 2007)
- Internetpläne von ARD und ZDF - “Machen wir!” (sueddeutsche.de v. 11. November 2007)
- Pressemappe “Medientage München” (Presseportal v. 9. November 2007)
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