Montgomery kündigt ein “Jahr des Wandels” an
Die 21. Münchener Medientage haben deutlich gemacht, dass auf den Zeitungsverlagen derzeit ein immenser Innovationsdruck lastet, der sie dazu zwingt, sich zu Multimedia-Unternehmen zu wandeln. Das aber erfordert ein Umdenken nicht nur in den Chefetagen, sondern auch in den Redaktionen, wie David Montgomery, Chef der angelsächsischen Investorengruppe Mecom, in der vergangenen Woche deutlich machte. In einer Rede an die Belegschaft der Berliner Zeitung erklärte das Jahr 2008 zum „Jahr des Wandels“. Zugleich warb er bei seinen Mitarbeitern für „Enthusiasmus und Engagement“, wie es in der zur Gruppe gehörenden Netzeitung heißt.
Nach wie vor setzt Montgomery auf das Zeitungsgeschäft, und dort sieht er „ein hohes Entwicklungspotenzial“. Das aber könne nur dann erschlossen werden, wenn der redaktionelle Workflow grundlegend restrukturiert wird. Und um das Know-how der Redaktionen effektiv zu nutzen - Stichwort: redaktionelles Wissensmanagement -, müssten alte Schranken beiseite geräumt und Ressourcen neu sortiert werden.
Das bedeute einen tiefgreifenden Wandel der Rolle des Journalisten und Redakteurs. Weil Online-Medien eine sehr viel direktere Kommunikation mit dem Leser ermöglichen, wüchsen dem Journalisten nämlich Aufgaben und Herausforderungen zu. Gedruckte Zeitungen seien vom Wesen her Einbahnstraßen, während Online-Publikationen dem Leser neue Reaktionsmöglichkeiten eröffnen. „Die Leser wollen sich heute beteiligen“, so Montgomery. Im Sinne einer interaktiven Wertschöpfung tragen sie dadurch zur Verbesserung der Printausgabe im bei.
„Kommunikation zuerst, dann die Zeitung” - so lautet deshalb das Credo des Briten, der in der Branche als „eiskalter Sanierer“ gilt. „Inhalte sollten zunächst online präsentiert werden, um Interaktion zu ermöglichen - dann erst für eine Printausgabe bearbeitet werden“, formuliert die Netzeitung. Große Veränderungen sieht Montgomery auch auf die Online-Präsenzen der Zeitungen zukommen; die Online-Ausgabe müsse künftig “alles andere sein als das Spiegelbild der Printausgabe.“
Die strikte Trennung von Print- und Online-Redaktionen in den Verlagen sei deshalb überholt. Die klassischen Printredaktionen müssten zu Teams entwickelt werden, die auch online publizieren. Den Schlüssel zur Bewältigung dieser Herausforderungen sieht Montgomery in crossmedial arbeitenden Redaktionen, also in gemeinsamen Newsrooms für sämtliche Publikationen der einzelnen Häuser.
Das Herzstück dieser neuen Art von Redaktion sieht Montgomery in einem „Content department“, in einem Raum für sämtliche Inhalte nicht nur aus den Bereichen Nachrichten und Hintergrund, sondern auch aus Unterhaltung und Werbung. Dabei müsse es darum gehen, Inhalte auf der Grundlage eines einheitlichen redaktionellen Konzepts schneller als bisher und breit gestreut über mehrere Kanäle an die Öffentlichkeit zu bringen. Nach diesem Konzept will Montgomery alle europäischen Geschäfte der Mecom-Gruppe reorganisieren, schreibt die Netzeitung. Sie selbst soll dabei die Rolle der „Speerspitze der Onlineaktivitäten des Berliner Verlags“ einnehmen.
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